So entwickeln wir einen ersten Onlinedienst im Bereich Nachlass

Der Tod eines Angehörigen ist eine emotionale Ausnahmesituation. Doch genau in dieser Phase der Trauer wartet oft eine hohe bürokratische Hürde auf die Hinterbliebenen: die Regelung des Nachlasses. Es ist ein Thema, das uns alle früher oder später betrifft. Umso wichtiger ist es, dass Bürgerinnen und Bürger in dieser Situation einfache, digitale Unterstützung erhalten. Genau daran arbeiten wir aktuell im Projekt „Digitale Rechtsantragstelle“: Gemeinsam mit dem Bundesministerium für Justiz und für Verbraucher­schutz und beteiligten Ländern und Gerichten entwickeln wir ein digitales Orientierungsangebot zum Erbscheinsantrag.

Die Recherchephase: Den Problemraum verstehen

Vor der Entwicklung von Lösungen mussten wir genau verstehen, wo die Herausforderungen liegen – sowohl bei den Bürgerinnen und Bürgern als auch in der Gerichtspraxis. Beginnend im Frühjahr 2025 haben wir in einer intensiven „Discovery-Phase“ den Status quo analysiert. Dazu gehörten:

  • Tiefeninterviews: Wir haben mit 12 Bürgerinnen und Bürgern gesprochen, um ihre „User Journey“ durch die Erbscheinbeantragung und Erbausschlagung vor Ort in einem Amtsgericht nachzuvollziehen.
  • Experteninterviews: Zusammen mit Rechtspflegerinnen und Rechtspflegern aus verschiedenen Pilotgerichten analysierten wir die bestehenden Abläufe.
  • Gerichtsbesuche: Vor Ort in Jena und Greiz durften wir Mitarbeitenden bei der Arbeit im Nachlassgericht über die Schultern schauen.
  • Datenanalyse: Desk-Research und Umfragen an Pilotgerichten lieferten uns wichtige Zahlen.

Was wir gelernt haben

Schnell kristallisierten sich zentrale Erkenntnisse heraus, die unsere weitere Arbeit prägen.

Herausforderungen für Bürgerinnen und Bürger

  • Der erste Schritt: Oft fehlt eine grundlegende Orientierung zur „Bürokratie“ eines Sterbefalls. – „Jemand ist verstorben, was ist nun zu tun?“ – Ein Erbscheinsantrag oder eine Erbausschlagung ist meist nur ein kleiner Baustein in einer Menge von Aufgaben, mit denen sich Hinterbliebene in einer emotionalen Lage auseinandersetzen müssen.
  • Fachbegriffe: „Erbausschlagung“, „gesetzliche Erbfolge“, „Verfügung von Todes wegen“ – Begriffe im Nachlassrecht sind für Laien oft schwer verständlich.
  • Unklarheiten zum Ablauf: Die Gerichtsprozesse in Nachlassachen sind den meisten Erbenden nicht bekannt. Besonders oft kommen Fragen dazu auf, welche Unterlagen nötig sind oder welche Kosten entstehen.
  • Komplexe Familienverhältnisse: Vollständige Namen und Verwandtschaftsgrade präzise anzugeben, fällt vielen schwer. Bei der Interaktion mit dem Gericht führen fehlerhafte Angaben oft zu Rückfragen und Verzögerungen.
  • Beschaffung von Urkunden: Das Zusammentragen der notwendigen Dokumente (z. B. Geburts- und Sterbeurkunden) ist für viele Menschen umständlich und benötigt viel Zeit. 

Herausforderungen auf Justizseite

  • Heterogene Abläufe: Die Prozesse an den Nachlassgerichten unterscheiden sich stark, etwa bei der Vorab-Übermittlung von Daten oder der Terminvereinbarung. Zwar gibt es in einigen Ländern bereits Initiativen zur Vereinfachung der Abläufe (z. B. Online-Tools zur Datenerfassung und Terminbuchung), doch die Einführung und Nachnutzung sind mit hohem Aufwand verbunden.
  • Medienbrüche: Daten erreichen das Gericht oft per PDF, Brief oder E-Mail und müssen manuell in das Fachverfahren übertragen werden. Urkunden und Testamente müssen eingescannt werden. Familienbäume wiederum werden meist händisch gezeichnet. Der im Termin händisch unterschriebene Erbschein muss wieder für die E-Akte digitalisiert werden.
  • Hohe Auslastung: Die Geschäftsstellen sind durch hohen Beratungsaufwand, die aufwendige Datenerfassung und die Umstellung auf die E-Akte belastet. Gleichzeitig stehen Bürgerinnen und Bürger oft unter Zeitdruck, da der Nachlass verwaltet werden muss.

Vom Konzept zum Prototyp

Basierend auf diesen Erkenntnissen haben wir im Sommer 2025 erste Konzepte getestet. Die Grundidee: Eine digitale Vorbereitung für den Erbscheinsantrag – von der Orientierung über die Prüfung bis zur digitalen Übermittlung.

In Tests mit einem Klick-Dummy (Prototyp) wurde deutlich, dass die Erwartungshaltung der Nutzenden hoch ist. Viele Erbende erwarten, den Antrag „direkt online absenden“ zu können. Dass für die eidesstattliche Versicherung ein persönlicher Termin zwingend nötig ist, ist oft nicht bekannt oder nachvollziehbar. Wir haben auch gesehen, dass die Dateneingabe viel Zeit braucht. Eine Funktion zur längeren Zwischen­speicherung scheint essenziell, da Angaben und Dokumente nicht sofort vorliegen, sondern teils zeitintensiv gesucht werden müssen.

Aktuell in Entwicklung: Der Erbschein-Wegweiser

Seit Oktober 2025 arbeiten wir an einem digitalen Orientierungsangebot zum Erbscheinsantrag – dem Erbschein-Wegweiser.

Mit diesem Tool können Nutzende einschätzen, ob sie überhaupt einen Erbschein benötigen, wer nach gesetzlicher Erbfolge erbt, welches Gericht zuständig ist und welche Dokumente bereitliegen müssen. Ziel ist es, die Aufklärungsarbeit der Gerichte – insbesondere bei einfachen Erbfällen – spürbar zu reduzieren und Bürgerinnen und Bürgern Sicherheit zu geben.

Um sicherzustellen, dass wir unsere digitalen Angebote praxisnah entwickeln, arbeiten wir eng mit einer Expertengruppe aus Rechtspflegerinnen und Rechtspflegern sowie Beamtinnen und Beamten der Geschäftsstellen zusammen. Außerdem haben wir verschiedene Gerichte vor Ort besucht: Hamburg-Wandsbek, Hamburg-Altona und Velbert. Hierbei waren auch Einblicke in die laufenden Digitalprojekte der Länder möglich. 

Das Feedback zu unserem Prototyp aus diesen Begegnungen war entscheidend: Wir konnten fachliche Details schärfen, komplexe Fälle besser herausfiltern und die Verständlichkeit für Bürgerinnen und Bürger durch kurze Konzepttests direkt vor Ort am Gericht validieren. So stellen wir sicher, dass wir Nutzende noch zielgerichteter durch den Wegweiser führen und passgenaue, korrekte Informationen liefern.

Der Fahrplan bis zum Launch 

Aktuell liegt unser Fokus auf der Feinarbeit an den Inhalten („Content Design“). Wir nutzen Erfahrungswerte und Ansätze aus bestehenden Services der digitalen Rechtsantragstelle, um komplexe juristische Sachverhalte bürgerfreundlich zu formulieren. Parallel stimmen wir uns eng mit dem Fachreferat im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz ab, um die rechtliche Korrektheit zu gewährleisten.

So geht es weiter:

  • Januar: Start der technischen Umsetzung eines funktionalen Prototyps.
  • März: Ausführliche Nutzendentests (Usability Tests) mit Bürgerinnen und Bürgern, eventuell gefolgt von notwendigen Anpassungen.
  • Frühjahr: Geplanter Launch des Erbschein-Wegweisers nach finaler Prüfung.

Ausblick: Mehr als nur ein Formular

Der Erbschein-Wegweiser ist nur der Anfang. Parallel blicken wir bereits auf weitere digitale Erleichterungen im Bereich Nachlass:

  1. Strukturierte Datenübermittlung: Wir prüfen die Einführung eines Standards zur strukturierten Datenübermittlung (XJustiz) für Nachlasssachen wie die Erbscheinbeantragung oder Erbausschlagung.
  2. Service zur Falldatenaufnahme: Im Anschluss an den Wegweiser planen wir einen Service, mit dem Bürgerinnen und Bürger die Daten für einen Erbscheinsantrag – oder eine Erbausschlagung – einfach erfassen und sicher über den elektronischen Rechtsverkehr an das Nachlassgericht senden können.
  3. Online-Terminbuchung: Da dieses Thema tief in die Arbeitsorganisation der Gerichte eingreift, sammeln wir hier zunächst Anforderungen an eine mögliche bundeseinheitliche Terminbuchungssoftware und evaluieren Chancen und Risiken. Wir prüfen sorgfältig, wie wir als Bundesprojekt in diesem komplexen Feld einen echten Mehrwert schaffen können.
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